Integration -- Das Projektteam ASN-Pfeil Phönix III

Integration -- Das Projektteam ASN-Pfeil Phönix III

Ein Bericht vom 27.08.19 im Amateurfußballportal von Nordbayern.de über unsere 3. Mannschaft. Ein herzlicher Dank geht an Redakteur Jan Mauer, der sein Einverständnis zur Veröffentlichung auf unserer Homepage gegeben hat.

 

Alltag Integrationsarbeit: Eine Saison lang ging ein Projektteam junge Geflüchteter in der B-Klasse an den Start. Dass die neue Spielzeit ohne sie startet, hat ambivalente Gründe - ist generell aber ein gutes Zeichen.

Auch der Club unterstützt - wie viele andere Vereine - das nationale Projekt "Willkommen im Fußball".
Beim ASN Pfeil/Phönix trat zuletzt eine Mannschaft aus jungen Geflüchteten in der offiziellen BFV-Runde an. / © FCN

 

Das "Servus" geht schon ganz gut über die Lippen. Bei vielen hört man ihn zwar noch, den Knoten in der Zunge, den dieses Wort verursachen kann, bei anderen ist da schon eine solch fränkische Färbung, blickte man nicht auf, ahnte man nicht, dass hier kein Eingeborener spricht. So kommen sie durch den Regen über den Parkplatz geschlendert, zwischen mannshohen Adidas-Dekorationsbällen vorbei, die keine Zweifel lassen, worum es an diesem Ort geht. Abseits sitzt Andrea Ackermann und spricht auf einen jungen Mann mit krausen Haaren ein. "Wir tun das hier für dich", hört man sie sagen. Denn es geht eben nicht nur um Fußball.

Andrea Ackermann gehört zu den Menschen der Gesellschaft, die das Merkel'sche "Wir schaffen das" mit Inhalt zu füllen versuchen. Sie ist Sozialpädagogin, arbeitet für den SportService Nürnberg, hat zu Beginn Jugendliche und junge Männer aus den Notunterkünften geholt, um in Sporthallen Fußball zu spielen. Inzwischen koordiniert sie Projekte, die die Stadt gemeinsam mit Vereinen stemmt: Vereine wie dem 1. FC Nürnberg, der alleine aufgrund seiner exponierten Öffentlichkeit um seine Rolle weiß, aber auch kleinere, bei denen das abstrakte Bewusstsein der eigenen Verantwortung schon mal vom Alltag verdrängt wird. "Willkommen im Fußball", so der Name eines nationalen Programms, das auf niedrigschwelligen Zugang setzt Auf der Suche nach einem Partner wurde man 2016 an der Marienbergstraße fündig, "Der ASN war einer der ersten Vereine, der zugesagt hatte", erinnert sie sich. Die jungen Männer kommen aus ganz Nürnberg in den Stadtnorden, teils weite Wege, doch sie kommen.

Auf dem schmucken, etwas in die Jahre gekommenen Gelände fallen die auf, die zum ersten Mal da sind. Sie stehen etwas verloren herum in der Einfahrt oder vor dem Sportheim, wissen nicht so recht wohin, oder wen ansprechen im Gewusel der Herren- und Nachwuchsteams. Sie ist wahrnehmbar, die Hemmung, die auf beiden Seiten existiert - und die das Projekt zu überwinden versucht: Die Idee dahinter ist einfach: Sport verbindet. Wer zusammen auf dem Fußballplatz steht, lernt sich gegenseitig als Mensch kennen und bricht die aufs Anonyme abgefeuerten Kollektivurteile auf. Aus Äthiopiern, Afghanen, Irakern, Iranern, Kamerunern, Eritreern, Maliern besteht die Mannschaft, die von drei Coaches trainiert wird. Gesprochen wird deutsch. Natürlich sei eine Grüppchenbildung zu erkennen, erklärt Leon Ackermann, einer der Trainer, Araber, Afrikaner blieben beim Aufwärmen gern mal unter sich, "aber das löst sich auf". 

Am Wochenende hätte die neue Saison beginnen sollen, die Gegner hätten TSV Maccabi, TSV National, TSV Azzurri, Megas Alexandros, Vatanspor, FC Fels des Glaubens und SV Reichelsdorf geheißen, es hätte für das Nürnberg des Jahres 2019 und die jungen Zuzügler Gelegenheiten gegeben, sich gegenseitig kennenzulernen. Doch nun müssen die Verantwortlichen den Jungs etwas mitteilen, das zum Regenwetter vor der Türe passt: Daraus wird nichts. 

"In der Rückrunde hat sich schon etwas verändert"

Zur Saison 18/19 traute man sich, meldete als ASN Pfeil/Phönix III ein Team in der offiziellen Spielrunde: B-Klasse 8, unterste Liga, die Saison beendete man auf Rang sieben. "Es gab natürlich ein paar negative Erfahrungen, ein bisschen Ernüchterung hat sich auch breit gemacht", sagt Ackermann. Rassistische Ausfälle, körperliche Härte, Vorurteile, "die beenden die Partie nicht mit elf Mann", habe ein Schiedsrichter schon im Vorfeld der gegnerischen Mannschaft versichert. Auch Anfeindungen aus dem Umfeld gab es, Ackermann wurde ironisch als "Mutter Theresa" betitelt. "Aber in der Rückrunde hat sich schon etwas verändert", glaubt die Sozialpädagogin, die selbst auch weiß, dass das Negative mit Wucht zuschlägt, wo das Positive behutsam streichelt. 

Warum das Premierenjahr vorerst das letzte sein wird: Vom 20-Mann-Kader sind nicht mehr viele da, es reicht einfach nicht mehr, um einen Spielbetrieb garantieren zu können. Die Hintergründe sind - dem Thema angemessen - ambivalent: "Viele wollen zwar gar nicht woanders hin, für sie ist es hier wie Familie. Aber es geht ja darum, die Jungs auch fit für andere Mannschaften zu machen", erklärt Ackermann. Weil Integration ja nicht heißt, dass man möglichst unter sich bleibt, ist diese Durchlässigkeit ein wichtiger Faktor: So haben manche Spieler den Verein gewechselt, zwei Akteure gehören in dieser Saison zum Kreisklassen-Kader der 1. Mannschaft, andere haben nun Ausbildung oder Job und können nicht mehr regelmäßig ran. Aber es gab auch Spieler, von denen man sich trennen musste, weil sie für zu viel Unruhe gesorgt hatten - und natürlich gibt es auch die bitteren Einzelschicksale: "Ein Gambier ist nach Italien geflüchtet, ein Ghanaer sitzt in Abschiebehaft", sagt Ackermann. 

"Sechs bis acht Jungs sind immer da, für die tut es mir natürlich leid", sagt Coach Leon Ackermann, der das Projekt von Beginn an begleitet. Natürlich ist es jetzt damit nicht vorbei, sie schalten nur "für ein Jahr" im offiziellen Liga-Betrieb einen Gang runter, trainieren weiterhin zweimal in der Woche - teils auch mit der 2. Mannschaft - und treten in einer Privatrunde an, in der es ruhiger und mit weniger Verpflichtungen zugeht. Auch er hat in den Monaten seine Erfahrungen gesammelt, an die Arbeit, die sie hier verrichten, glauben sie alle weiterhin: "Das ist schon wichtig für die Jungs, so können sie den Kopf mal frei bekommen", sagt er.

"Es soll einfach ein Zeichen sein"

Natürlich bietet der Fußball nur überschaubare Hilfe in Sache Lebenspraxis, so beschränkt sich das Projekt auch nicht nur auf das Sportliche: Es gibt Lernbegleitung, Hilfe bei der Ausbildungsplatz-Suche, aber natürlich auch psychische Betreuung für junge Männer, die auf so vielen Ebenen mit Konflikten konfrontiert sind: Negative Erfahrungen in der Heimat, traumatisierende Fluchterlebnisse, Ungewissheit über Angehörige, Ablehnungserfahrungen, fremde Gepflogenheiten und natürlich die schwelende Ungewissheit über die eigene Zukunft. Schwer dabei nicht den Mut zu verlieren. Doch weil sie daran nichts ändern können, machen sie weiter. "Es soll einfach auch ein Zeichen sein, dass wir Integration leisten wollen," sagt Ackermann. Mit all den schönen und schmerzhaften Erkenntnissen.